Nach 96 Jahren wurde das lang vermisste Teil einer legendären ägyptischen Statue endlich entdeckt

Ein außergewöhnlicher Fund hat die Archäologiegemeinschaft weltweit aufhorchen lassen: Ein Fragment einer lange verschollenen Statue des Pharaos Ramses II wurde im Jahr 2024 im zentralen Ägypten gefunden. Das ist nicht nur ein Gewinn fürs kulturelle Erbe Ägyptens, sondern bietet auch neue Wege, die ägyptische Geschichte genauer zu rekonstruieren. Jahrzehnte, nachdem die untere Hälfte der Statue von deutschen Forschern entdeckt worden war, eröffnet dieses neue Stück die Möglichkeit, eines der größten bekannten sitzenden Bildnisse des Pharaos wieder zusammenzusetzen.
Gefunden in Hermopolis Magna
Der Fund stammt aus El Ashmunein, der modernen Stätte von Hermopolis Magna, etwa 150 km südlich von Kairo. Hermopolis Magna war ein bedeutendes religiöses Zentrum (verehrt wurde dort vor allem Thot, der Gott der Weisheit) und blieb bis in die griechisch-römische Zeit wichtig. Die Fundstelle gehört zu den Ruinen einer früheren Provinzhauptstadt und zeigt, wie lange die Stadt über verschiedene Dynastien hinweg eine Rolle spielte.
Das neu entdeckte Fragment besteht aus Kalkstein und ist 3,81 Meter hoch. Es stellt Ramses II in sitzender Haltung dar, mit zeremoniellem Kopfschmuck und einer teilweise erhaltenen Königskobra — typische Merkmale der 19. Dynastie. Dass das Fragment nach Jahrhunderten unter der Erde so gut erhalten ist, macht den Fund besonders bemerkenswert und zeigt zugleich, wie vorsichtig man bei der nächsten Restaurierungsphase vorgehen muss.
Konservierungsfragen und wissenschaftliche Befunde
Die Ausgrabungsstelle liegt in einer sehr feuchten Zone, was die Konservierung schwierig macht. Veränderungen des Grundwasserspiegels — namentlich durch den Baus des Assuan-Staudamms — haben zu Mineralablagerungen und Materialermüdung geführt. Solche Bedingungen erfordern eine genaue Prüfung durch Konservierungsspezialisten, bevor eine sichere Wiedervereinigung oder eine eventuelle Verlagerung der Statue möglich ist.
Neben strukturellen Fragen lieferten Materialanalysen interessante Ergebnisse: Im Stein sind noch blaue und gelbe Pigmente eingebettet. Solche Farbreste sind selten und geben Hinweise auf die Pigmentquellen der Neuen Reichszeit sowie auf die symbolische Farbverwendung bei pharaonischen Skulpturen. Weitere Tests zur genauen Zusammensetzung der Pigmente laufen derzeit.
Wer am Projekt beteiligt ist und was noch ansteht
Der Fund geht auf gezielte Ausgrabungen unter der Leitung von Basem Gehad vom ägyptischen Ministerium für Tourismus und Altertümer sowie Yvona Trnka-Amrhein von der University of Colorado Boulder zurück, unterstützt von internationalen Feldteams. Die Arbeiten standen in Verbindung mit früheren Papyrusfunden und führten zur Lokalisierung der fehlenden oberen Sektion der Statue, die bereits 1930 vom deutschen Archäologen Günther Roeder entdeckt worden war.
Die Ausgrabungen in El Ashmunein sollen bis 2026 fortgesetzt werden, mit dem Ziel, weitere Fragmente zu finden. Geplant sind unter anderem die Kartierung des Untergrunds, Umweltmodellierungen und stratigraphische Analysen, um das volle Potenzial der Fundstelle auszuschöpfen.
Wie es mit der Restaurierung weitergehen könnte
Ein formeller Antrag zur Wiedervereinigung der beiden Fragmente wurde beim Supreme Council of Antiquities eingereicht. Sollte eine Rekonstruktion genehmigt werden, könnte es sich um eine der höchsten bekannten sitzenden Statuen des Ramses II außerhalb von Theben oder Abu Simbel handeln. Offen bleibt, ob die Statue am Fundort verbleiben oder in ein Museum gebracht wird — darüber wird noch entschieden.
Dieser Fund ist mehr als nur eine archäologische Entdeckung: Er erweitert das Kapitel der ägyptischen Altertumsforschung und zeigt, wie laufende Untersuchungen unser Verständnis der alten Zivilisationen vertiefen können. Zugleich lädt er dazu ein, das reiche Erbe Ägyptens weiterhin zu erforschen und zu würdigen.