Fachleute enthüllen unerwartete Charakterzüge von Menschen, die ihren Einkaufswagen stets zurückbringen

An einem leicht regnerischen Samstag in einem Vorort von Ohio spielen sich auf einem Supermarkt-Parkplatz unscheinbare, aber aufschlussreiche Szenen ab. Eine Frau in Bürokleidung bringt ihren Einkaufswagen ordentlich zurück in die Wagenbucht (Abstellplatz für Einkaufswagen), während ein Mann im marineblauen Kapuzenpullover seinen Wagen in ein Blumenbeet schiebt und einfach davonfährt. Was wie eine ganz normale Alltagsszene wirkt, entpuppt sich als überraschender Test für Persönlichkeitsmerkmale.
Was Verhalten über Persönlichkeit verrät
Die feinen Unterschiede im Verhalten auf dem Parkplatz sollen offenbar mehr über Menschen aussagen, als man beim ersten Hinsehen annimmt. Psychologen meinen, es gehe nicht nur ums Regelbefolgen, sondern darum, welche kleinen Entscheidungen jemand trifft, wenn niemand hinguckt, was auf eine bewusste Planung hinweist. Der Parkplatz wird so zu einem stillen Schauplatz für eine Art Persönlichkeitstest.
Diese Idee stammt von dem Sozialpsychologen Brandon Warmke, der zusammen mit einem örtlichen Geschäft über drei Wochenenden hinweg das Verhalten von ca. 500 Kunden beobachtete. Die Zahlen sind interessant: 58 % der Käufer brachten ihren Einkaufswagen zurück zur Bucht, 27 % ließen ihn auf einem freien Parkplatz stehen. Die übrigen Wagen landeten am Bordstein oder lehnten an einem Baum.
Was das Zurückbringen von Einkaufswagen über uns aussagt
Auf die Beobachtung folgte eine Befragung: Freiwillige beantworteten Fragen zu Gewohnheiten, Überzeugungen und ihrem Verantwortungsgefühl. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dem Zurückbringen der Wagen und höheren Werten bei Gewissenhaftigkeit sowie prosozialer Orientierung. Zu diesen Eigenschaften zählen Selbstkontrolle, Empathie und ein innerer moralischer Kompass.
Die Verhaltensökonomin Nina Mazar bringt es so auf den Punkt: “Es geht nicht um den Wagen. Es geht darum, ob man sich wie ein Gast in einer geteilten Welt verhält oder wie ein Tourist, der nur vorbeischaut.” Solche Einstellungen zeigen sich oft zusammen mit bestimmten Gewohnheiten — etwa das Zurückstellen eines Einkaufswagens ohne Umschauen, das Vorlassen einer Person mit weniger Artikeln oder das Wegwischen eines Kaffeeflecks, selbst wenn man ihn nicht verursacht hat.
Praktische Tipps für den Alltag
Diese kleinen Gesten signalisieren, dass man seine “Seite der Straße sauber hält”, und sie kosten meist kaum Zeit oder Energie. Wie lässt sich so ein Verhalten fördern? Eine klare Regel könnte lauten: “Die Fahrt ist erst beendet, wenn der Wagen wieder in die Bucht geklickt ist” — ähnlich wie das Anschnallen mit dem Sicherheitsgurt. Praktische Tipps sind etwa, beim Parken in der Nähe der Wagenrückgabe zu parken oder Partner und Kinder mit einer neutralen Formulierung daran zu erinnern, zum Beispiel: “Last step: cart home.”
Dabei sollte man aber auch einschränkende Umstände beachten, die das Verhalten beeinflussen können, etwa Behinderungen, chronische Schmerzen oder logistischer Stress bei Familien mit kleinen Kindern.
Die leise Botschaft kleiner Gesten
Ein verlassener Einkaufswagen ist kein Verbrechen, aber er sendet ein Signal darüber, wie jemand Eigeninteresse und das Wohl anderer abwägt. Wer das Zurückbringen zur Gewohnheit macht, formt damit nicht nur die eigene Identität, sondern beeinflusst auch, wie andere einen wahrnehmen. Diese “leise Integrität” — ganz ohne Likes oder öffentliche Anerkennung — prägt das Miteinander nachhaltig. An einem verregneten Tag auf dem Supermarkt-Parkplatz können zwei kleine, unbemerkte Gesten also trotzdem laut sagen: “Wir leben hier zusammen.”